Zertifiziert und trotzdem blind: Warum ein Rahmenwerk noch kein KI-Kontext ist

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Ihre Projektleiter sind zertifiziert, das Handbuch liegt vor – reicht das, damit eine KI einen Projektantrag im Sinne Ihres Hauses prüft? Nein: Ein zertifiziertes Rahmenwerk wie die IPMA-ICB beschreibt, über welche Kompetenzen Menschen verfügen müssen – nicht, in welcher Reihenfolge ein Antrag geprüft wird oder mit welchem Zinssatz gerechnet wird. Kompetenzorientierte und prozessorientierte Standards sind komplementär, nicht austauschbar.

Der Grund, warum Kontext vor Modellwahl kommt, ist empirisch gestützt: Nur 39 Prozent der Befragten einer großen jährlichen KI-Erhebung schreiben dem KI-Einsatz überhaupt eine Wirkung auf das EBIT zu, bei den meisten liegt sie unter 5 Prozent. Zugleich gehört die grundlegende Neugestaltung von Arbeitsabläufen – von 31 getesteten organisatorischen Merkmalen – zu den Faktoren mit dem stärksten Erklärungsbeitrag dafür, ob eine Organisation zu den Spitzenreitern zählt. Der Engpass liegt selten im Modell – er liegt im Prozess und in dem, was über ihn aufgeschrieben ist.

Doch selbst vollständig dokumentiertes Wissen garantiert keine zuverlässige Ausführung: Der bislang umfangreichste öffentliche Benchmark für dokumentierte Verfahren, SOP-Bench – ein nicht begutachteter Preprint –, testete über 2.000 Aufgaben aus zwölf Geschäftsdomänen anhand von Fachexperten verfasster Arbeitsanweisungen. Selbst die jeweils beste Modell-Agenten-Kombination erreichte je nach Domäne nur zwischen 57 und 100 Prozent Aufgabenerfolg, und ein neueres Modell schnitt dabei keineswegs automatisch besser ab: Claude 4 Opus kam auf 72,4 Prozent, das jüngere Claude 4.5 Sonnet nur auf 63,3 Prozent. Eine dokumentierte Arbeitsanweisung ist die Voraussetzung dafür, dass eine KI ein Verfahren überhaupt ausführen kann – keine Garantie, dass sie es richtig tut, und ein Modellwechsel ist deshalb eine Änderung am Prozess, keine Wartungsmaßnahme.

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